Wachstum bedeutet nicht, mehr draufzupacken. Manchmal beginnt es mit einem Schnitt.
Kurzfassung für den schnellen Leser
Wachstum bedeutet nicht, mehr draufzupacken — es bedeutet manchmal, etwas loszulassen. Was mein Haselnussstrauch nach dem Winterschnitt sichtbar gemacht hat, erlebe ich täglich in meinen Sparrings: Führungskräfte, die Entlastung wollen, aber keine Aufgabe abgeben. Profis, die spüren, dass ihr Job nicht mehr passt — und trotzdem festhalten. Die entscheidende Frage lautet nicht „Was kommt als Nächstes?“ — sondern: Was nimmt mir gerade Licht und Raum?
Lesezeit: ca. 4 Minuten — plus 5 Reflexionsfragen zum Mitnehmen.
Ein Strauch. Eine Entscheidung. Eine klare Sache.
Als der letzte Schnee geschmolzen war, stand ich vor meinem Haselnussstrauch.
Jahre des Wachstums. Viele Triebe. Viel Masse. Aber kaum noch Licht. Kaum noch Luft.
Also habe ich geschnitten.
Heute steht ein deutlich kleinerer Strauch im Garten. Luftiger. Klarer. Wahrscheinlich weniger Nüsse in diesem Jahr — das ist der Preis.
Aber er hat wieder Zukunft.
Was viele bei Entwicklung übersehen
Wir reden ständig über Fortschritt. Neue Wege. Neue Rollen. Neue Ziele.
Was dabei fast immer fehlt: die Frage, was dafür weichen muss.
Neue Wege entstehen nicht, weil man noch mehr draufpackt.
Sie entstehen, weil man etwas lässt.
Das ist im Garten so. Und es ist im Berufsleben genauso.
Drei Bilder, die ich regelmäßig erlebe
In meinen Sparrings begegnen mir drei Muster, die sich immer wieder zeigen:
Die Führungskraft, die Entlastung will — und gleichzeitig keine Aufgabe loslässt.
Aus Gewohnheit. Aus Verantwortungsgefühl. Manchmal aus Misstrauen. Das Ergebnis: Sie bleibt überlastet. Das Team wächst nicht. Im schlimmsten Fall gehen die Besten — nicht aus Drama, sondern aus Frust.
Der erfahrene Professional, der längst spürt: Dieser Job passt nicht mehr.
Routine. Wiederholung. Manchmal schon Langeweile. Aber da ist das Gehalt. Das Prestige. Die Sicherheit. Der Preis: Der Job frisst Energie. Die Wochen werden enger. Die Gesundheit leidet.
Die Person, die Veränderung will — und gleichzeitig das alte Bild von sich festhält.
Sie sucht nach Tools, Methoden, Systemen. Manchmal hilft das kurzfristig. Aber das eigentliche Thema bleibt. Weil das Problem nicht die falsche Methode ist — sondern das, was man noch nicht bereit ist loszulassen.
Festhalten ≠ Stärke.
Eine gute Entscheidung fühlt sich nicht immer gut an
Was ich an meinem Haselnussstrauch so deutlich gespürt habe:
Ich habe etwas weggenommen, das funktioniert hat. Das vertraut war. Das Leben hatte. Ja, es wird dieses Jahr weniger geben.
Aber nächstes Jahr wird es besser — weil Licht und Raum wieder da sind.
Wer echte Entwicklung will, kommt an einer Frage nicht vorbei:
Wovon muss ich mich trennen, damit ich Platz für das schaffe, was wirklich passt?
Das kann bedeuten, ein Selbstbild zu hinterfragen. Eine Rolle neu zu definieren. Oder eine enge, bequeme Sicherheit auszuhalten, bis Klarheit entsteht.
Diese Phase ist nicht glamourös. Sie ist verunsichernd. Und manche brechen ab, weil der Gedanke kommt: „Das war ein Fehler.“ Oder: „Es ist doch nicht so schlimm.“
Die Wahrheit ist:
Wer diese unsichere Zeit aushält, gewinnt mehr als eine neue Rolle. Er gewinnt wieder Freude. Wieder Energie. Wieder sich selbst.
Was das für Sie bedeuten kann
Vielleicht geht es bei Ihnen gerade nicht um einen Jobwechsel.
Vielleicht geht es um eine Aufgabe, die Sie längst hätten abgeben sollen. Um eine Erwartung, die Sie antreibt — aber nicht mehr Ihre eigene ist. Um eine Rolle, in der Sie sich festgefahren fühlen, ohne zu wissen, wie Sie da herausgekommen sind.
Dann lohnt sich ein ehrlicher Blick — mit einer einfachen Frage:
Was nimmt mir gerade Licht und Raum?
Fünf Fragen, die ich in solchen Momenten für hilfreich halte:
- Was kostet mich mein Festhalten konkret? (Energie, Zeit, Schlaf, Beziehungen)
- Welche Aufgabe halte ich fest, obwohl sie längst woanders hingehört?
- Welche Erwartung steuert mich gerade — und ist sie überhaupt noch meine?
- Was würde leichter werden, wenn ich loslasse?
- Woran würde ich in 6 Monaten merken: Das war die richtige Entscheidung?
Fazit
Entwicklung ist selten ein Upgrade.
Oft ist sie zuerst ein Abschied. Nicht dramatisch — aber klar.
Wenn Sie wieder Luft wollen, brauchen Sie nicht noch mehr Tools. Sie brauchen Klarheit. Und manchmal den Mut zu sagen: Das passt nicht mehr.
Klarheit ist kein Zufall — sondern das Ergebnis guter Fragen.
Wie sehen Sie das:
Woran halten Sie gerade fest — und was würde möglich werden, wenn Sie loslassen?