Wollen Sie wirklich führen oder reizt Sie nur das Prestige?

Ich erinnere mich gut an einen Mitarbeiter, nennen wir ihn Paul.
Fachlich brillant, engagiert, zuverlässig.
Er wollte Karriere machen, also machten wir ihn zum Leiter eines kleinen Teams.

„Ich will das nicht mehr“, sagte er, drei Monate später, erschöpft in meinem Büro. „Ich will einfach nur wieder arbeiten dürfen. Nicht ständig entscheiden müssen. Keine Konflikte mehr lösen. Ich habe überhaupt keine Zeit mehr für fachliche Themen – und Angst, den Anschluss zu verlieren.“

Diese Szene habe ich in über 20 Jahren als Personalleiterin und Karrierecoach öfter erlebt, als mir lieb ist. Deshalb werde ich oft gefragt: „Kann man Führung lernen?“

FÜR EILIGE

  • Führung lässt sich teilweise lernen: Kommunikation, Feedback, Zielvereinbarungen und Konfliktmanagement sind trainierbares Handwerk.
  • Echtes Interesse an Menschen, Verantwortungsbereitschaft und Vertrauen lassen sich dagegen nicht antrainieren.
  • Wer Fehler des Teams abwälzt oder Konflikte aussitzt, verspielt das Vertrauen der Mitarbeiter.
  • Bevor Sie eine Führungsrolle annehmen, prüfen Sie ehrlich: Reizt Sie die Aufgabe – oder nur das Prestige?
  • Führung beginnt nicht mit dem neuen Titel, sondern mit einem ehrlichen Blick in den Spiegel.

Meine Antwort auf die Frage: “ Kann man Führung lernen? – Ist ein entschiedenes : Jein.


Ja – Sie können sehr viel über Führungstechniken lernen.

Nein – um eine gute Führungskraft zu werden, sollten Sie einige Eigenschaften von Haus aus mitbringen.

Den Unterschied zu kennen, entscheidet darüber, ob Sie wie Paul nach drei Monaten erschöpft im Büro Ihres Chefs sitzen – oder nicht.

Wollen Sie wirklich Führungskraft werden?

Wenn ich früher mit Hochschulabsolventen Bewerbungsgespräche führte, kam fast immer die Frage nach den beruflichen Zielen. Und fast immer die gleiche Antwort:

„Ich möchte eine Führungsaufgabe übernehmen.“

Kaum einer von ihnen konnte mir beschreiben, wie ein normaler Dienstag als Führungskraft aussieht:

mit welchen zwei, drei Problemen sie morgens ins Büro kommen.

Was sie vor Augen hatten:

ein besseres Gehalt, mehr Prestige, vielleicht ein Firmenwagen.

Was sie nicht vor Augen hatten:


Menschen, die auf sie zählen.
Konflikte, die sie lösen müssen.
Entscheidungen, die ihnen niemand abnimmt.


Wer Führungskraft werden will, sollte diesen Wunsch deshalb sehr genau prüfen.
Selbstreflexion ist schließlich selbst schon eine der wichtigsten Eigenschaften einer Führungskraft.
Fragen Sie sich ehrlich:

  • Halte ich den Druck aus, der auf mir lasten wird?
  • Will ich mich wirklich mit Menschen auseinandersetzen – auch mit ihren Konflikten?
  • Will ich Verantwortung übernehmen, für mich und andere? Auch wenn etwas schiefgeht?
  • Reizt mich eigentlich das Geld, das Prestige, die Macht? Oder würde ich lieber fachlich arbeiten?
  • Kann ich loslassen – auch fachlich?

In Coachings kommt an dieser Stelle oft eine zweite Frage auf: „Und wenn ich in einem Unternehmen mitspiele, das gar nicht nach Logik funktioniert?“ Zu Recht. Ein Unternehmen ist auch ein politisches System. Nicht jede Entscheidung fällt nach sachlichen Kriterien. Wird Müller befördert, muss aus Rücksicht auf den Betriebsrat vielleicht auch Meyer befördert werden – auch wenn der eigentlich gar nicht führen will. Eine Führungskraft muss solche Entscheidungen mittragen und glaubhaft vertreten. Auch wenn sie ihr nicht gefallen.


Was sich lernen lässt


Die gute Nachricht zuerst:
Das Handwerk der Führung lässt sich lernen.

  • Kommunikation – genau hinzuhören und das Motiv hinter dem Gesagten zu verstehen.
  • Fragetechniken, die kein Verhör sind, sondern Wertschätzung zeigen.
  • Meetings moderieren, ohne dass Vielredner die Tagesordnung sprengen.
  • Die eigene Sprache schärfen – welche Worte in Ihrem Mund könnten andere missverstehen oder verletzen
  • Feedback geben. Nur wer Rückmeldung bekommt, kann sein Verhalten ändern oder erfährt, dass die eigene Arbeit gut war. Das gilt für Lob genauso wie für Kritik.
  • Zielvereinbarungen gehören dazu – positiv formuliert, mit echtem Commitment der Mitarbeiter, mit Meilensteinen, die Sie gemeinsam überprüfen.
  • Konfliktmanagement: Konflikte erkennen, statt wegzuschauen. Techniken erlernen, um sie zu lösen, bevor sie das Team zerreißen.

Für all das gibt es Trainings, Bücher, Coachings.

Wichtiger als jedes Seminar ist aber die Praxis:

das nächste Mitarbeitergespräch, das nächste Meeting, in dem Sie es einfach ausprobieren.


Was sich nicht lernen lässt

Was sich nicht trainieren lässt, ist echtes Interesse an Menschen.
Die Freude daran, Verantwortung zu tragen.
Der Mut, sich selbst zu hinterfragen.

Diese innere Haltung ist aus meiner Sicht der Kern jeder Führungspersönlichkeit.

Verantwortung zu übernehmen – auch für Fehler, die andere gemacht haben.

Wenn jemand in Ihrem Team einen Fehler macht, ist das Ihre Verantwortung. Sie werden dafür gegenüber der Geschäftsleitung geradestehen müssen.

Manche Führungskräfte zeigen in genau diesem Moment zuerst auf ihr Team.
Das mag im Moment Druck nehmen.

Es kostet aber etwas, das sich nicht so leicht zurückkaufen lässt: das Vertrauen der eigenen Leute. Ihr Team wird Ihnen das nicht verzeihen. Es reißt einen Riss zwischen Ihnen und Ihrem Team, der sich schwer wieder kitten lässt.

Entscheidungen zu treffen, ohne jedes Mal das ganze Team einzubinden – und trotzdem zu Ihrer Entscheidung zu stehen.
Ihr Team erwartet klare Aussagen von Ihnen, nicht endlose Abwägungen.

Konflikte nicht zu übersehen, sondern aktiv anzugehen.
Zu hoffen, es löse sich von selbst, lässt Fronten nur verhärten.


Vertrauen: der Glaube an das Gute im Menschen.
Wer Mitarbeitern grundsätzlich misstraut, wird an einer Führungsaufgabe keine Freude haben.


In einem meiner letzten Coachings saß mir eine Führungskraft Anfang 30 gegenüber, gerade einmal drei Monate im neuen Job. Reflektiert, aber unsicher in ihrer neuen Rolle

„Ich will keine Chefin sein, die alles besser weiß“, sagte sie mir zu Beginn.
„Aber ich will auch nicht die sein, die nichts entscheidet.“
Heute sagt sie:
„Führung ist kein Entweder-oder. Es ist ein Sowohl-als-auch. Nähe und Klarheit. Vertrauen und Verantwortung.“

Genau das ist der Punkt.


Fazit: Führung beginnt mit einem ehrlichen Blick in den Spiegel

Wer vom Fachexperten zur Führungskraft wechselt, wechselt in Wahrheit den Beruf.

Nicht die Position ändert sich, sondern die Aufgabe von Grund auf.

Deshalb beginnt Führung nicht mit einem neuen Titel, sondern mit einer Entscheidung: für andere und für sich selbst.

Bevor Sie den Schritt gehen, fragen Sie sich ehrlich:

  • Bin ich bereit, für andere einzustehen?
  • Kann ich loslassen, auch fachlich?
  • Habe ich Lust, mich weiterzuentwickeln, auch wenn es unbequem wird?

Wenn Sie diese Fragen mit einem echten Ja beantworten, haben Sie die innere Haltung, die Führung möglich macht.

Kommunikationstechnik, Meeting-Moderation, Zielvereinbarungen:

Das alles ist Handwerk, und Handwerk lässt sich in jedem Training vermitteln.

Ich selbst bin immer gerne Führungskraft gewesen. Auch an den Tagen, an denen ich abends nach Hause fuhr und wusste, dass ich morgen ein Kündigungsgespräch führen muss – vor dem ich mich am liebsten gedrückt hätte.

Wer sich für diesen Weg entscheidet, sollte sicher sein:

alle Voraussetzungen mitzubringen – und unerschütterlich an das Gute im Menschen zu glauben.

Welche dieser Fähigkeiten bringen Sie mit?

Wenn Sie das lieber nicht allein herausfinden wollen:

Mit dem Online-Assessment ProfileXT bekommen Sie eine objektive Einschätzung Ihrer Führungsstärke.
Ich zeige Ihnen gerne, wie das funktioniert.



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